Heike Egner im Gespräch mit dem Startblatt

Am Montag 07.09.2015 fing die Startwoche an der HSG an. Etwa 1500 Assessmentstudentinnen und -studenten kamen an diesem Tag zur Universität auf dem Rosenberg. Prof. Dr. Heike Egner hat die Studentenschaft gekonnt in das Thema der Fallstudie eingeführt. Aktuell ist sie in der Gruppe «Risikoforschung und Risikowahrnehmung» am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin tätig.

Ist das Studium an sich schon ein Risiko?
Egner: Oh ja das Studium ist ein Risiko, allein deswegen weil der Ausgang offen ist. Sie werden nicht mehr dieselbe Person sein wenn sie diese Universität verlassen. Allein das ist riskant. Ich weiss nicht ob die Studierenden das wissen.

Wir leben heute in einer multimedialen Welt. Was sind Ihrer Meinung nach gute Strategien um relevante Informationen aus allen Eindrücken des Alltags zu extrahieren?
Egner: Ich versuche tatsächlich in Phasen der Undurchsichtigkeit, wenn ich etwas Entscheiden muss, das eine grössere Tragweite hat, Medienabstinenz zu üben. Ich bin halt mit einer geringeren Informationsüberflutung gross geworden. Ich bin aber fest davon überzeugt, das letztlich weniger mehr ist. Wenn sie herausfinden wollen was das Wesentliche ist, müssen sie aufhören blind Informationen zu sammeln. Man muss zuerst überlegen, was der eigentliche Punkt ist. Das ist die grosse Verantwortung, wenn wir mit Risiken zu tun haben. Es muss uns bewusst sein, dass wenn wir Entscheidungen treffen, der Ausgang offen ist.

Vermeiden Sie Risiko in Ihrem Alltag?
Egner: Ich bin nicht sonderlich risikobereit.

Sind die noch weniger risikobereit geworden, seid Sie sich professionell mit dem Thema Risiko beschäftigen?
Egner: Ja, vor allem seit ich mich mit Katastrophen beschäftige.

Fliegen Sie noch?
Egner: Ja, aber ich suche mir einen Platz aus wo die Überlebenschance noch gegeben ist.

Wo müsste ich, statistisch gesehen, im Flugzeug sitzen?
Egner: Nicht weiter weg als die dritte Reihe vom Notausgang und die Schuhe anlassen. Für den Fall, dass das Flugzeug abstürzt, dann zeigen alle möglichen ex-post Analysen, dass die Fitteren überleben, die in der Nähe des Ausgangs sitzen und die die Schuhe anhaben.

Sie haben von der Verantwortungsdiffusion gesprochen, die man verhindern soll. Wie unterbinden Sie es selber, wenn Sie in Gruppen zusammenarbeiten?
Egner:  Wir überlegen uns Regeln wie wir miteinander arbeiten wollen. Z.B. wie wir mit Trittbrettfahrern umgehen wollen. Also diejenigen, die immer die anderen arbeiten lassen, aber dann den Erfolg miteinstreichen. Da muss es klare Regeln geben, denn sonst ist die Gruppeneffizienz eingeschränkt. So bekommt jedes Gruppenmitglied eine bestimmte Verantwortlichkeit.

Kommen wir doch nochmals zum Thema Studium zurück. Wie haben Sie sich fürs Studium entschieden? In welche Richtung wollten Sie?
Egner: Och, ich habe ganz viel studiert! Dazumal gab es noch kein Bachelor bzw. Master-Programm. Zu erst habe ich eine Berufsausbildung gemacht und danach gearbeitet. Dann habe ich mit 25 oder 26 angefangen zu studieren und ich glaub ich habe 10 oder 11 Fächer studiert, bevor ich mich festgelegen konnte.

Das ist echt ne Menge.
Egner: Also ich habe alles 1 oder 2 Semester studiert bevor ich mich entschieden habe. Ich fand es sehr schwierig mich festzulegen. Für Geographie, habe ich mich eigentlich erst ganz am Schluss entschieden, weil es ein Fach war von dem ich vermutet habe, dass es „zu viel Spass mache“ und ich es darum nicht ernst nehmen könne.

Wie ist es für Sie wenn Sie die jungen Leute, wie wir Studenten, heute sehen? Werden wir uns mit mehr Risiken beschäftigen oder mit anderen Risiken?
Egner: Also im gesellschaftlich Bereich haben wir sicher mehr Risiken. Individuell sehe ich den Protektionismus, wie wie Kinder und Jugendliche geschützt werden, als Gefahr. Ein krasses Beispiel habe ich in einer Kindertagesstätte in Kanada gesehen: Da waren die Wände gummiert und die Tischkanten waren mit Schaumgummi bezogen. Da haben die Kinder wirklich Anlauf genommen und sind gegen die Wand gesprungen. Dies würden Sie an einer normalen Wand nicht tun. Sie haben also gelernt in einer Umwelt zu leben, die hochgradige Sicherheitsstrategien für sie entwickelt hat, was sie dazu verleitet kaum selber Risiken abzuschätzen.

Nehmen junge Leute mehr Risiko auf sich, da unsere westliche Welt als sehr sicher eingestuft wird?
Egner: Allgemein sehe ich ein spezielles Phänomen. Es ist, dass die dritten Generationen nach einer schweren Katastrophe sich fahrlässiger um Risiken kümmern. Beim schweren Tsunami bei Fukushima sagten die älteren Menschen, dass man sofort in die Höhe muss um zu überleben. Dies wussten sie, da vor ca. drei Generationen auch ein ähnlich verheerender Tsunami Japan verwüstete. Aber auch hier in Europa sieht man dieses Phänomen. Es sind nun gute drei Generationen seit dem 2. Weltkrieg vergangen. Man fühlt sich sicher, doch der erneut auftretende Nationalismus und vermehrte Rechtsradikalen Tendenzen zeigen auch hier ein anderes Bild. Es scheint, als hätte man aus der Geschichte nicht sehr viel gelernt. Doch zurück zu Ihrer ursprünglichen Frage. Ich glaube, dass dies so stimmt. Risiko bedeutet natürlich auch, dass ich mich mehr spüre wenn mein Körper mit Adrenalin vollgepumt ist. Dann spüre ich mich mehr als Person und hab das Gefühl am Leben zu sein. In gesicherten Statistiken haben wir das nicht. Doch Kinder würden sonst nicht gegen eine gummierte Wand rennen.

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