Helvetia CEO Loacker: «Risiko ist Teil unseres Businessmodells»

Herr Loacker, was bedeutet Risiko für Sie im beruflichen und privaten Alltag?
Stefan Loacker: In meinem beruflichen Alltag bin ich täglich mit dem Thema Risiko konfrontiert. Als Schadensversicherer sind wir immer wieder mit grossen Schäden konfrontiert. Dadurch dass man mit teils auch menschlich berührenden Meldungen konfrontiert wird, macht einen das viel bewusster für allzeit anwesende Risiken. Mich prägt das ungemein. Natürlich sind einzelne Berichte über Schadensfälle statistisch zu vernachlässigen, aber sie sind dennoch präsent. Ich würde mich daher eher als risikobewussten Menschen bezeichnen. Zusätzlich ist für einen Versicherer natürlich das Risikomanagement unserer Bilanz etwas vom Wesentlichsten. Wir haben eine Bilanzsumme von fast 50 Milliarden Franken und müssen dieses Geld veranlagen. In der Regel so sicher wie möglich, aber auch mit Rendite. Dementsprechend ist es zentral, eine gute Anlagestrategie zu verfolgen, auch um den Kunden Mehrwert und den Aktionären einen Gewinn zu liefern.
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Hat die Versicherungsbranche mit Risiken mehr zu kämpfen als andere Branchen?
Loacker: Der Umgang mit Risiken ist ein wesentlicher Teil unseres Businessmodells. Kleinere, in der Menge auftretende Risiken werden gebündelt und somit für den einzelnen Kunden handhabbar gemacht. Dies bedeutet jedoch auch, dass die kumulierten Risiken den Versicherer selber treffen können. Es sind vor allem langfristige Annahmen, wie im Bereich der Lebensversicherung bezüglich Zinsentwicklung und Sterblichkeit, welche fundamentalen Verschiebungen unterliegen können.
Was war Ihre risikoreichste Entscheidung bezüglich Ihrer Karriere?
Loacker: Ende des Studiums an der HSG hatte ich ein interessantes Stellenangebot im Immobilienbereich. Einen Tag vor der mündlichen Prüfung fragte mich der Professor, was ich nachher mache. Als er von dem mir vorliegenden Angebot hörte, betonte er, wie schade es sei, dass ich nach einem zweijährigen Studium der Versicherungswirtschaft und des Risikomanagements hier in der Schweiz nun in eine ganz andere Branche gehe. Ich solle mir doch ein bisschen Zeit lassen. Er biete mir einen Platz am Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Im Grunde über Nacht habe ich mich alsdann für diesen Weg entschieden. Ohne diese Entscheidung, die sicher auch ein Risiko beinhaltete, sässe ich heute wohl kaum an diesem Platz, als CEO einer Versicherungsgesellschaft.

Welchen Ratschlag würden Sie einer angehenden Studentin oder einem angehenden Studenten bezüglich der Handhabung von zukünftigen Risiken und der richtigen Auswahl des anzustrebenden Ziels geben?
Loacker: Aus heutiger Sicht würde ich empfehlen, den Trichter zunächst möglichst breit zu halten, die verfügbaren Möglichkeiten aufzunehmen und zu verarbeiten. Es scheint mir, als werde heutzutage zu wenig darauf eingegangen, was man selber eigentlich möchte. Viele sind geprägt vom Elternhaus, und bei der Auswahl des Studiums tritt man einfach in die vorgegebenen Fussstapfen, weil der Weg schon einigermassen bekannt ist. Die angehenden Studenten sollten sich zunehmend systematisch Gedanken darüber machen, welche Zukunftsbilder heute überhaupt möglich sind, und nicht zu stark in hierarchischen Karrierekategorien denken, sondern mehr aus dem empathischen Interesse eine Entscheidung fällen. Wenn man nur aus rationalen Überlegungen einen Weg wählt, dann fehlt am Schluss auch die Begeisterung. Beim Eintritt in die HSG ist es sicher so, dass man keine lange Schonfrist hat. Wenn man das Studium nicht von Beginn an mit der nötigen Disziplin angeht, dann wird man allenfalls auch nicht lange hierbleiben.

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